Samstag, 1. Oktober 2016

Gerochenes in Berlin - Mein Erlebnis beim Geruchsfestival OSMODRAMA

Doch noch geschafft zum Geruchsfestival, vier Tage vor Ende.


In der Früh in den Fernbus von Jena nach Berlin "eingecheckt" und das Ziel nach 3 Std. erreicht.
Ich war sehr gespannt, was mich da wohl erwartete und bemüht doch nichts zu erwarten, neugierig, offen für Unerwartetes zu sein. OSMODRAMA klang irgendwie dramatisch oder eher vielleicht dramaturgisch ... Geschichten erzählen mit Gerüchen... Begeisterung in den Interviews. Auf der Website (http://osmodrama.com/) die Videos angeschaut ...da wurde von einem Urwaldgeruch gesprochen, der alte Erinnerungen weckte ... wie riecht Urwald? Ich war da noch nie! ...da sei plötzlich der Geruch nach Erdbeeren und alles sehr echt in der Geruchswahrnehmung ... DAS wollte ich nun wirklich selbst erleben. Ich merkte, dass ich mir vom Gehörten und nur darüber Reden kein greifbares Bild machen konnte. Also es selbst erriechen, um in der Wahrnehmung vielleicht Begrifflichkeiten zu finden, um darüber reden zu können...Ja, ich habe Geruchserfahrungen gemacht aber darüber zu reden, es zu erklären ist bruchstückhaft, erinnernde Geruchssequenzen, nicht wirklich fassbar ...

Die technische Seite schon eher, da war Sichtbares, Logisches, Funktionales, nachvollziehbares ingenieurtechnisches Wissen.  Eine geniale Leistung  diese lüftungs- und strömungstechnische Umsetzung. Natürlich begeisterte mich DAS enorm...

Die elektronisch gesteuerte Geruchsorgel, der Smeller 2.0, ist eine Idee und Entwicklung des Medienkünstlers Wolfgang Georgsdorf. Dieses Werk ist die Realisierung eines Traumes aus der (seiner) Welt der Gerüche.


Ein Riese aus Schläuchen, Rohrverbindungen, der, zerlegt, auf zwei LKW's passt... Eine monströse Riech-Maschine, die es ermöglicht, Gerüche einzeln und nacheinander wahrzunehmen. Quasi wie eine Abfolge von Buchstaben, Tönen... Ohne das sich die Gerüche überlagern oder ungewollt vermischen. 64 konzipierte Gerüche und deren "Kompositionen", warteten auf die Begegnung mit den Riechrezeptoren der Besucher.

Aus der weißen Metalllochwand schauten 64+1 dunkle Rohröffnungen heraus. Ein ästhetisches Bild. Ein wechselndes Licht-Szenarium setzte die Riech-Maschine hinter der Wand wirkungsvoll in Szene..
Eine Frage beschäftigte mich am meisten, wie ist es technisch möglich, Gerüche "sauber" von einander zu trennen und zu verhindern, dass sie sich im Raum verbreiten, vermischen oder überlagern.  Die Antwort ganz simpel ausgedrückt: es braucht einen definierten (Mittel)Luftstrom, mit einer angemessenen Strömungsgeschwindigkeit (es soll ja kein Geruchs-Sturm stattfinden), der den Geruch aus der jeweiligen freigeschalteten Rohröffnung aufnimmt und ihn durch den Raum führt und trägt und am Ende des Raumes wieder "entführt". 
Würde man mit der Strömungsgeschwindigkeit sich selbst durch den Raum bewegen, so wäre der jeweilige Geruch ein treuer Begleiter. Bleibt man stehen holen einem die nachfolgenden Gerüche ein, kontaktieren und verschwinden nach ca. 10 sec. wieder. 
Eine Kaskade aus nahtlos aufeinanderfolgenden Gerüchen. Sie wird gesteuert per Computer (Öffnung der Geruchsquellenkammern) oder per Klaviatur, deren Tasten einer jeweiligen Kammer zugeordnet sind, die einzeln geöffnet werden können. Das Geruchs-Orgel-Spiel kann beginnen und seine Geruchs"Melodie" erriechen lassen - eine "Sinolfie" (Wolfgang Georgsdorf). Computergesteuerte Kompositionen aus riechbaren Zwei- und Dreiklängen...

Hier möchte ich die "technische" Seite verlassen und davon berichten, weshalb ich mich nach Berlin begeben hatte ... Gerüche, deren Wahrnehmung, was es mit mir machte und wie ich es erlebte, dieses ganze Geruchs-Mysterium. 
Ich war nicht allein. Meine Osmo-Kollegin und Freundin wollte es ebenfalls wissen. Geplant hatten wir vier Stunden im "OSMODRAMA" zu verweilen, schließlich wollten wir Alles an Gebotenem und viele Eindrücke mitnehmen. ...geschafft haben wir reichliche zwei Stunden, mit Pause dazwischen...



Pünktlich 12:00 Uhr standen wir mit Anderen vor dem Tor der St. Johannes-Evangelist-Kirche. Der Meister selbst öffnete uns. Wir folgten den Pfeilen und standen in einem weißen Raum im Kirchenraum.
Da waren sie im Original, die "Geruchs-Rohr-Pfeifen" der Geruchsorgel, die ich bisher nur von Bildern kannte. Eindrucksvoll, geheimnisvoll und faszinierend. Ein rombenartiges Gebilde.
Leere und Raum. ...aufs minimalistischste reduziert. Stuhlreihen und sonst Nichts. Keine Ablenkung.

Wir nahmen in der Mitte Platz und konzentrierten uns auf das was da kommen würde. ...und es kam.

Geräusche und plötzlich unerwartet ein Duft, eh er zu fassen war, war er verschwunden, da, der Nächste und weg... die Geräusche spiegelten Alltagssituationen wieder, Flugzeuglärm, Flughafen, plötzlich Stimmenfragmente, die aufforderten die Fenster zuschließen...der Geruch von brennendem Kunststoff, beißend, typisch süßlich ...und weg.
Szenenwechsel Bahnhof, Stimmengewirr, Bahnhofstoilette ...Ja! Geruch sofort erkannt, dieser etwas aldehydig-zitrusfrische Duft, des Betreibers S....fair, das Bild der Räume adoc dazu.

...Sitzpolstergeruch, Kaffeegeruch, ... Die Szenen der Geräusch wechselten stetig, die Gerüche kamen und gingen. Das Hirn versuchte hinterher zu kommen, versuchte im Hochleistungsmodus das Hörbare und das Riechbare zusammenzubringen, zu erkennen und zu benennen.
Gedanken, volle Konzentration, kenne ich, gleich habe ich es ...weg! Was Scharfes? Fruchtig (Limo)? Bar? Gerösteter Toast, verbrannt? Was Süßes... Kaffee..Espresso? Knoblauch?!!!?

Straßengeräusche. .. Autos ...Leder...Dieselöl...Waschanlage? ... Aufzug... Abgase? ... Parfüm ....weibliche Schritte ... Heu, Stroh? Landschaft ...Bäckerei ... nasser Hund!? Hühnerstallgeruch und Bauernhof ....

Geschrei?! Sprechchor, viele Füße, Getrampel!? Was ist das? Unbehagen, Beklemmung! Kein Geruch in der Wahrnehmung, nur noch Akustisches! Das Gefühl von Bedrohung verstärkte sich!...

Ahhh! Kaffee, schnell tief einatmen...und weg.

Plötzlich...das gibt es doch nicht! Diesen Geruch kenne ich! Oh, nein, dieser dunkle, klebrige Ski-Wachs aus der Schulzeit, der drauf musste, wenn der Schnee nass und pappig war und die ganze Sportstunde schon im Vorfeld zur ahnenden Strapaze wurde, nasse Klamotten gratis!
Keine Ahnung welcher Geruch es wirklich war, für mich war es Skiwachs. Das Hörbare war in diesem Moment unwichtig, war aus dem Wahrnehmungsfeld getreten.

Die Gerüche kamen, wandelten sich, schwollen an und gingen wieder zurück. Die Geräusche der bekannten Lebensräume unterstützten die Geruchserkennbarkeit bzw. Geruchsahnungen ... ah ja, das gehört dazu, aber keine Ahnung was es ist...
Gummibärchen, Pfefferminze ... Hallenbad...Chlorgeruch ...Duschbad?... Metallwerkstatt...Maschinengeruch...heißgelaufenes Metall auf der Drehmaschine mit Anlassfarben ... den Geruch kenne ich doch...weg! Kaffee... Ahhh!

Mein Hirn hatte innerlich Schweißperlen auf seiner Stirn. Das war eine echte Herausforderung ...und sehr spannend.
Meine Freundin hatte den Raum verlassen, sie fühlte sich körperlich unbehaglich. Wie es sich später herausstellte waren es nicht die Gerüche, die dazu führten sondern bestimmte Geräusche u.a. die akustische marschierende (?) Menschengruppe, aus der oben beschriebenen Geräuschsequenz, die auch in mir Unbehagen auslöste...

Diese ersten Geruchsbegegnungen stammten aus: "Häuserfugen" (Scents+Sounds 2012) Synosmie zu 14 gebauten Räumen.
Ob ich mit meiner Wahrnehmung die Absichten des Künstlers aufgreifen konnte weiß ich nicht zu sagen, ich war wohl auch auf meiner eigenen Geruchsreise durch die Räume.

Plötzlich wurde es still, für mich wohltuend still. Es machte ganz leise plopp und ein Geruch streifte meine Nase. Heu? Nacheinander kamen die anderen Gerüche ...Pferd?...Schweinestall? (Es stellte sich im Nachhinein heraus, es war der Raubtierkäfiggeruch...da bin ich eher sehr selten.) ....Rose?...Maiglöckchen, Ah, schön! Tief Luft holen...Schimmel ...Oh nee! Unangenehm ...und schon  weg! Vanille....Kaffee (Ahhh!)...Zuckerwatte....Pilzgeruch.... Die Gerüche kamen und gingen. Begrüßten, nahmen kurz Kontakt auf und wurden vom nachfolgenden Geruch vollständig abgelöst. Duftumschalten!
Waren sie ohne  Erwartung an mich, spielten sie mit mir?. Die Gedanken kamen nicht hinterher, ich gab es auf und gab mich diesem Spiel hin. Es war sehr entspannend. Irgendwann kam ein Empfinden von Langeweile auf. Geruchs-Ermüdung? Ich legte eine Pause ein und verließ den Raum (schließlich befand ich mich schon ca. 1 1/2 Stunden im Geruchsrausch).

Etwas später stieg ich wieder in das "Autocomplete (Scents Only, 2016) Neue Synosmie als reine Geruchsreise" ein.
Wie Wolfgang Georgsdorf äußerte, war er auf dieses Werk besonders stolz, weil es so gut gelungen war. Dem kann ich zustimmen. Es war ein sehr interessantes Wechselspiel zwischen den einzelnen Geruchsabfolgen und -rhythmen. Wollte man sich gerade (innerlich empört) von einer Sequenz unangenehmer Gerüche abwenden, schwenkte das Szenarium und machte einem Wohlgeruch Platz, alles vorher Empfundene war sofort vergessen und das Lächeln kehrte zurück.

Ein Kuriosum in der Pause: Wir kamen mit einer Dame ins Gespräch, die den Raum ebenfalls verlassen hatte und auf dem Heimweg war. Sie meinte, sie müsse jetzt gehen, da sie Kopfschmerzen hätte. Ihre Ärztin hätte sie zu dieser Veranstaltung geschickt, da sie nichts mehr riechen könne und sie solle da ihren Geruchssinn trainieren. Die Dame meinte noch, dass sie Asthmatikerin sei und eine Allergie gegen Duftstoffe habe... Respekt!

So spannend und neu, die Erfahrungen, mit diesen Geruchserlebnisse auch waren, wir waren nach über 2 Stunden "breit" und machten uns auf den Weg in ein Cafè. 

Würde ich wieder hingehen? Ja, aber mit wohldosierten Pausen dazwischen. Und auch, weil es ein grandioses Projekt im perfekten Zusammenspiel von Kunst, Philosophie, Technik, handwerklicher Leistung u.a. ist. 
Die Reise zum OSMODRAMA nach Berlin hat sich gelohnt. Diese Erfahrung hinterließ neue Erkenntnisse und gaben mir Denkanstöße mit.

Nun werden sich einige meiner Blog-LeserInnen kopfschüttelnd fragen: Was jetzt? Ist sie auf "Synthetisch" umgestiegen? 

Nein, ganz sicher nicht. Es ist eine andere, vielleicht sogar eigenständige, Welt und nicht vergleichbar mit der Duftwelt der ÄÖ.

Der Duft der ÄÖ ist unübertroffen in Berührung und Kommunikation mit uns. Mir ist bei diesem Geruchserleben aufgefallen, dass alle Gerüche "oben" im Kopf geblieben sind und eher Duftempfindungen zu angenehm oder unangenehm, ganz nett, lieblich, blumig oder das stinkt, dumpf, muffig assoziiert haben.  
Ich vermisste den gewohnten "Tiefgang", das innere Geschichten erzählen; das Farben und das Bilder entstehen lassen. Die Resonanz (in) meiner Seele hielt sich bei diesen Gerüchen zurück, im Vergleich meiner Erfahrungen mit ÄÖ.  
Vielleicht auch gut so, sonst könnte tatsächlich manch einer ein osmoDRAMA erleben. Gerüche haben Macht und der Resonanzboden des Nasen-Inhabers ist nicht bekannt, selbst ihm nicht.

Ich fand es erstaunlich, dass bei den Gerüchen ( künstlichen), die auch im Alltag einen Platz haben, ein verankerter Wiedererkennungseffekt, mit Situation UND Bild ganz offensichtlich vorhanden und abgespeichert ist. Ich habe diese "Alltagsgerüche" wohl als Geruchscode aufgenommen.

Auf meiner Autobahnfahrt vor wenigen Tagen, suchte ich eine Raststätte auf ... und da war er wieder der "S....fair"-Geruch ... ich konnte ein Grinsen in meinem Gesicht nicht verhindern... Berlin war sehr nahe.

Dies noch zum Schluss:
"Gerüche sind gesammelte Schätze, die nicht sichtbar, hörbar oder tastbar sind. Der Schlüssel zu diesen Schätzen (Schatzkammer) sind die Gefühle." (Christine Lamontain 2016)




Meine Dank an Wolfgang Georgsdorf für diese Erlebniswelt und für die freundliche Genehmigung zum Fotografieren und der Verwendung der Fotos.

1 Kommentar:

  1. Liebe christine.
    Das hört sich sehr interessant an. Was hat der Mensch sich für Arbeit gemacht. Meine Güte. - ich kann mir vorstellen, dass diese Zeit dort sehr sehr anstrengend war. Man sieht, was Gerüche mit einem machen. Man taucht ein in die unterschiedlichsten Sequenzen von Schweinestall über Maiglöckchen zu Wald, Meer und was weiß ich sonst noch alles. Ein "wildes Leben", welches man so im Normalfall gar nicht lebt, alles auf einmal. Auch nachdenkenswert- denke da an "Duftmanipulation".
    Interessant auf alle Fälle.
    LG Heidi

    AntwortenLöschen