Sonntag, 29. März 2015

Ein Erfahrungsbericht aus dem Pflegealltag - Die olfaktorische Herausforderung


vor einiger Zeit fragte mich meine Aroma-Kollegin Manuela, ob ich eine Idee hätte, wie man stark belastenden Geruch zu Leibe rücken könne. Ich gab ihr einen Tipp weiter (s.hier), es doch mit Kaffeepulver zu versuchen. …und sie tat es.

Herzlichen Dank an Manuela für ihren spannenden Erfahrungsbericht und die Erlaubnis ihn in meinem Blog veröffentlichen zu dürfen.

Hier ihr Bericht (leicht gekürzt):

Immer wieder einmal kam es in meinem Berufsalltag als Krankenschwester vor, dass mir etwas gestunken hat. Ach, das darf man ja gar nicht sagen, also, dass etwas unangenehm gerochen hat. Und wie es sich gehört, wurde darüber natürlich nicht gesprochen und wenn meine Kolleginnen einmal etwas unangenehm fanden, zückten sie das frühlingsfrische Raumspray. Das hat mir zwar dann doppelt gestunken, aber das Thema war abgehakt.

Eines Tages jedoch, ergab sich eine Situation, die all unsere Vermeidungsstrategien zum Scheitern brachte.
Ein Patient, mit einer großen, Sekret absondernden und stinkenden Wunde, wurde aufgenommen. Schon bei der Begrüßung des Patienten wurde klar, dass wir vor einer Herausforderung stehen würden.

Zur Aufnahme gehörte, den Verband von der Wunde abzunehmen. Der Geruch, der dort entwich war unbeschreiblich und schockierend. 
Meine Kollegin rief nach Unterstützung, um uns die Wunde zu zeigen, aber sicher auch, um diesem Gestank nicht allein und hilflos ausgeliefert zu sein. 
Noch vor Betreten des Zimmers konnte man den Gestank schon auf dem Gang deutlich wahrnehmen. Er nahm mir den Atem und löste einen Brechreiz  und einen Fluchtreflex aus. Durch den Mund atmen schien eine Möglichkeit zu sein, dem zu entgehen. Allerdings standen die Angehörigen vor dem Patientenzimmer. Ich mußte also freundlich lächeln und grüßen. Eigentlich nicht möglich, mit dem Wissen, dass das, was mich gleich erwartete, noch um einiges schlimmer sein würde. 
Das Lächeln gezwungen, die Begrüßung knapp betrat ich also das Zimmer und es war noch schlimmer, als ich es draußen ahnte. Der Mundschutz war eine erste Option, um mich zu schützen und gleichzeitig meine Mimik dahinter zu verstecken. Immer wieder verließ ich das Zimmer, um Utensilien für den Verbandswechsel heranzuschaffen und um Luft zu holen.

Die Kommunikation mit dem Patienten war entsprechend distanziert und knapp, ein richtiges Gespräch sehr schwer in Gang zu bringen. Denkbar schlechte Voraussetzungen, um ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen und die Voraussetzung für eine gute Rehabilitation zu schaffen. Gleichzeitig im Hinterkopf: “Der arme Mensch, er kann ja gar nichts dafür”....

Im Gespräch mit meinen Kollegen war der Tenor der gleiche. “ Es stinkt wie in einer Schwefelei”, “ mir wird schlecht”, “ der arme Mensch.....”

Wir fanden ein Intervall des Verbandswechsels, welches half, den Geruch so einzudämmen, dass der schlimmste Ekelfall nur beim Entfernen des Verbandes eintrat. Der Geruch hing jedoch im Zimmer fest. 
Als wir den ersten Schock überwunden hatten, fiel uns auf, dass der Patient sehr still und wortkarg war und wir nur einen Bruchteil der persönlichen Informationen hatten, die wir normalerweise im Gespräch mit Patienten erfuhren. Der Mann lächelte auch nie.
Dass das etwas mit seinem Geruch zu tun haben könnte, kam mir leider zu diesem Zeitpunkt noch nicht, obwohl ich ja weiss, wie das mit der Nase, den Gerüchen und den Reaktionen darauf ist. Allerdings war ich noch zu sehr mit meinen Gefühlen, dem Alltag und überhaupt… beschäftigt.

Irgendwann kam im Team auch das Gespräch darauf, was wir diesem Patienten vielleicht Gutes tun könnten, um es ihm etwas angenehmer zu machen. Sein Zimmer war geruchlich so sehr belastet,  dass von Wohlbefinden keine Rede sein konnte.
Den Leidensdruck des Patienten zu mindern, lag mir am Herzen. Ich überlegte, Orangenschalen auf die Heizung zum Trocknen zu legen. Bei dem Gedanken, welche Geruchsmischung sich dabei eventuell ergeben könnte, drehte sich mir schon wieder der Magen um. 
Raumluftreinigende ätherische Öle war die nächste Idee, zB. Zitrone, Grapefruit, Myrte, Kiefer… Aber leider hatten wir auf Station keine ätherischen Öle im Gebrauch.

Ich telefonierte mit meiner Aroma-Kollegin Christine und fragte sie: “ Gibt es etwas, was Gestank im Raum neutralisieren kann? Und bitte keinen Geruch, der sich auch noch irgendwie damit verbindet!”
Sie meinte, sie hätte von Kursteilnehmerinnen gehört, dass sie gute Erfahrungen mit Kaffee gemacht haben. Na klar! Kaffee nimmt man zum Neutralisieren, weiss doch jede Hausfrau…

Ich ging also am nächsten Morgen voller Tatendrang zur Arbeit und berichtete meiner Kollegin von unserer Idee. Sie meinte, ja, davon hätte sie auch schon gehört.
 „…aber willst du dem Patienten das sagen?”
Eine berechtigte Frage.
Wie sagt man jemanden, dass es „ungut“ riecht, ohne dabei grenzüberschreitend zu sein?

Wir einigten uns darauf, dass wir das Kaffeepulver erst einmal ohne Kommentar in das Zimmer stellen und wenn wir eine Verbesserung feststellen würden, den Patienten dann mit einzubeziehen.
Wir füllten gemahlenen Kaffee (ca. 250 g) in eine Schüssel und stellten sie auf ein Regal im Zimmer. 

Nach einiger Zeit betrat ich das Zimmer wieder und ach, wie war das schön - es hing ein leichter Duft von Kaffee in der Luft, eigentlich eher eine Ahnung davon und man roch ausserdem - Nichts!

So setzte ich mich zu dem Patienten und berichtete ihm von unseren Überlegungen und was wir getan hatten. Ganz offen und das, was er dann sagte, verblüffte mich dann doch. “ Wissen Sie Schwester, ich rieche ja gar nichts anderes mehr” “Außer sich selbst und ihre Wunde?” “ Ja!”

Ich gab ihm die Schüssel mit dem Kaffee zum Riechen. Er roch daran, nahm eine richtige Nase voll und entspannte sich zusehends. Dann äußerte er den Wunsch sich hinzulegen und bat mich das Fenster zu öffnen. Auch das war neu, denn ich hatte vorher sehr selten das Fenster offen gesehen. Mit dem Hinweis, sich zu melden, deckte ich ihn gut zu und ging. 
Als ich später wieder das Zimmer betrat, fand ich ihn eingekuschelt in seine warme Wolldecke und lächelnd vor.

Der Kollege vom Spätdienst, der von unserer Aktion wußte, kam später aus dem Zimmer und sagte “Es riecht ja gar nicht nach Kaffee” Ich fragte Ihn, wonach es denn riecht. Er sagte “ na nach gar nichts”.  Ziel erreicht!
Da ich die nächsten Tage nicht im Dienst war, schrieb ich für die Kollegen alles auf. Stellte ihnen aber frei, selbst zu entscheiden, ob sie es weiterführen wollten und besorgte genügend Kaffee.

Nach einer Woche war ich wieder da. Der Patient war inzwischen auf eine andere Station verlegt worden. Ich fragte meine Kollegen, ob sie denn unser “ Kaffee-Experiment” fortgeführt hätten. Und sie berichteten mir Erstaunliches. Noch an dem Abend, als wir begonnen hatten, ist der Patient “viel lockerer” gewesen. Er hat gelacht und gescherzt, war deutlich aufgeschlossener und gesprächsbereit. Und wie hat es gerochen? “ Sehr angenehm” und “ es roch nach irgendwas, nicht nach Kaffee, aber auch nicht schlecht, kann es nicht benennen. “  Die Kollegin, die den Patienten auf die andere Station verlegte, übergab unsere Idee gleich mit. Sie wurde dort dankbar aufgenommen und direkt umgesetzt.

Der Patient kam später noch einmal zu uns zurück. Mit ihm auch die Kaffeeschale und ein (sein) sehr vertrauter Umgang mit uns.

Ich danke meinen Kolleginnen und Kollegen, dass sie sich auch auf diese Idee einlassen haben.

Für den nächsten “Geruchsnotfall “sind wir jetzt gut gewappnet.

Die Kaffeeschale
Foto: Manuela Strese

 Anmerkung: Die Schale mit Kaffeepulver haben wir täglich erneuert.


Manuela Strese
Krankenschwester
Beraterin für ganzheitliche Gesundheitspflege und Naturheilkunde
Aroma Gesundheitspraktikerin (BfG)

Kommentare:

  1. Hallo Frau Lamontain!

    Danke für den sehr gut nachvollziehbaren Bericht! Habe ich selbst bereits in ähnlicher Weise mehrfach erlebt und durchgeführt! Kann ich genau so weiterempfehlen, nicht nur bei Gerüchen aufgrund einer Wundsekretion.
    Einfach, schnell, sehr effektiv!
    Liebe Grüße
    Sarah Schütz

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  2. Danke für den Bericht, sehr interessant!!!! Das sollte zur Allgemeinbilung und in Schulen auch zur Grundausstattung gehören, oder? ;-)

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